Flucht und Vertreibung, Teil 6: Enten hüten und die Angst vor Brauereipferden
- Heimatarchiv Team

- vor 3 Tagen
- 7 Min. Lesezeit
Aktualisiert: vor 10 Stunden
Geschichte der Familie Ladwig, geflohen im Frühjahr 1945 aus Freienwalde/Pommern nach Jeddeloh I/Edewecht. Grundlagen für die Geschichte sind die Erinnerungen von Elke Gerken. Sie konnte sich gut an Erzählungen von Marie Ladwig und Ursula Ganzke, mit denen sie von 1954 bis 1975 gemeinsam in Jeddeloh I lebte, erinnern. Günter Ganzke und Rolf Harmjanßen stellten Bilder und Dokumente zur Verfügung.

Die Familie Ladwig lebte bis 1945 in Freienwalde/Pommern. Die kleine Stadt (1939 etwa 3400 Einwohner) wird heute Chociwel (polnisch) genannt und liegt in der sanft gewellten Hügellandschaft des Pommerschen Höhenrückens am Staritzsee östlich von Stettin und etwa 24 km nordöstlich von Stargard.
Marie Kopidura, geb. 1901 in Friedrichsfelde, Kreis Hohensalza/Pommern, war seit dem 01.03.1924 mit Otto August Albert Ladwig, geb. 1899 in Stargard/Pommern, verheiratet. Verliebt war Marie eigentlich in einen Frisör aus dem Ort. Aber sie entschied sich dann für den heftig werbenden Otto.Aus der Ehe gingen sechs Kinder hervor: Ursula (1925), Walter (1927), Annemarie (1930), Inge (1933), Helmut (1936) und Edeltraut (1941), alle in Freienwalde/Pommern geboren.

In Freienwalde (heute: Chociwel) lebten sie im Haus Nr. 3 an der zum Staritzsee führenden Straße Wasserfurth. Das Haus gehörte seit 1936 der Familie Ladwig. Den Lebensunterhalt verdienten die Eltern auf einem Gutshof, Marie als Mamsell, Otto als Kutscher. Ihr Haus besaß ein recht großes Hintergrundstück, dort befanden sich eine Remise (auch geeignet zum Wäscheaufhängen) und Stallungen, u. a. für Enten. Tochter Inge musste häufiger mit den etwa 20 Enten zum See und sie dort hüten. Probleme, die Enten zusammenzuhalten, gab es immer dann, wenn die Pferde der ortsansässigen Brauerei ins Wasser geführt wurden und dabei die Enten aufscheuchten. Otto Ladwig angelte gerne am Staritzsee. Häufig fing er Hechte, daraus bereitete Marie äußerst leckeren Kochfisch. Den vermisste Marie nach der Flucht in Jeddeloh I, hier waren Hechte nicht so leicht zu bekommen.

Im nahen Umfeld des Wohnhauses der Ladwigs lagen die Kirche mit Marktplatz, eine Schule, eine Brauerei, eine Apotheke, eine Bäckerei, das Kaufhaus, ein Schmuckgeschäft, die Badeanstalt am See mit einem 3-Meter-Turm, eine Sparkasse und der Bahnhof. Hier fühlten sich die Ladwigs sehr wohl. Der Staritzsee wurde gerne zum Baden genutzt, Ursula Ladwig sprang mutig vom Turm. Im Winter fror der See regelmäßig zu, zum Baden wurde dann ein Loch in die Eisdecke geschlagen. Auch schlug man große Eisblöcke, die zu Kühlzwecken verwendet wurden, am Staritzsee.
Ursula arbeitete anfangs bei dem Bäcker, musste diese Tätigkeit aber wegen Bäckerkrätze aufgeben. Sie half dann beim Apotheker im Haushalt. Außerdem war sie Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr in Freienwalde, die in den 1940er Jahren nur aus Feuerwehrfrauen bestand.

Während der Kriegszeit arbeiteten die Frauen und Mädchen oft in Haushalten und saisonal auf den Gütern, z.B. während der Kartoffelernte. Dazu wurden die Frauen und Mädchen morgens vom Marktplatz abgeholt und abends zurückgebracht. Als Lohn gab es für das Sammeln von 50 kg Kartoffeln Marken, die in ein Heft eingeklebt wurden. Für ein volles Heft erhielt die Familie am Ende des Jahres ein halbes Schwein und/oder Zuckerrüben (für die Sirup-Herstellung).
Ursula heiratete im November 1944 Walter Ganzke, der als Soldat an der Front kämpfte. Anfang März 1945 waren russischen Soldaten schon in den Nachbarorten und hatten u.a. mit Panzern einen Friedhof platt gewalzt. Eine Freundin von Ursula wurde von einem russischen Soldaten vergewaltigt und anschließend grausam getötet. Ein weiterer Grund dafür, dass die Familie Ladwig ihre Heimat fluchtartig verließ.
Marie wollte noch bei der Sparkasse Geld abheben, hatte aber keine Zeit mehr dazu. Brot gab es nicht mehr, obwohl die Bäckerei voller Backwaren war. Inge konnte sich daran erinnern, dass fünf Soldaten wegen Plünderei aufgehängt wurden. Die Wertgegenstände der Familie versteckte Marie im Keller des Hauses, ein Zeichen für die Hoffnung auf Rückkehr. Marie gelang es, das für die Familie wichtige Geschirr (verschiedene Schüsseln und Teller sowie Messer, Gabeln und Löffel) heil nach Jeddeloh I zu schleppen. Wichtige Papiere (die später für die Berechnung von Rentenansprüchen wichtig gewesen wären) hatte sie aber vergessen. Auch ihren Rosenkranz mit Kreuz nahm die katholisch erzogene Marie aus Pommern mit.
Am 3. März 1945 verließ Marie Ladwig (damals 43 Jahre alt) mit ihren Kindern Ursula (20), Annemarie (14), Inge (11), Helmut (9) und Edeltraut (4) Freienwalde. Ihr Mann Otto und der 18jährige Sohn Walter befanden sich als Soldaten im Krieg. Erst 1946 erfuhr die Familie, dass Walter nur wenige Tage vor der Flucht, am 21.02.1945 in Westpreußen verstorben war.

Eingepfercht in einem Güterwaggon, Toilette war ein Eimer, wurde am 3. März der 4. Geburtstag der jüngsten Tochter Edeltraut “gefeiert“. Als Geburtstagsgeschenk erhielt sie von einer anderen Frau im Waggon einen Keks, so erzählte Marie Ladwig. Der Zug wurde unterwegs von Tieffliegern beschossen, es gab Tote und Verletzte. Die Ladwigs kamen heil durch und gehörten zur ersten Gruppe von Flüchtlingen aus den deutschen Ostgebieten, die am 18. März 1945 am Bahnhof in Edewecht ankam und von Bauern mit ihren Fuhrwerken an verschiedene Orte gebracht wurden.
Seit dem 19.03.1945 ist die Familie Ladwig in Edewecht/Jeddeloh I gemeldet. Sie kam kurz in Jeddeloh I bei einem Bauern an der Vehne in einer Scheune unter. Dort fühlten sie sich eher unwillkommen, es gab nichts zu essen. Die Familie erlebte dort die Zeit der schweren Kämpfe im Raum Edewecht. Marie lief in den letzten Kriegstagen auch unter starkem Beschuss zur Gastwirtschaft Kreye in Jeddeloh I, um Lebensmittel zu besorgen: Dort gab es Kartoffeln.
Danach wurde die Familie Ladwig in einem der wenigen nicht zerstörten Gebäude, der Schule Jeddeloh I, bei Engelbart untergebracht. Lehrer Georg Engelbart, von 1912 bis 1947 Schulleiter in Jeddeloh I, wohnte in der Schule, die der Gemeinde gehörte. Dort lebten die Angehörigen der Familie Ladwig in zwei Räumen über den beiden Klassenräumen bis 1959. Die Toiletten befanden sich neben der Schule in einer Baracke, wo auch der Brenntorf gelagert wurde.
Die Wohnung bestand aus einer Wohnküche (Herd mit Ringen, Torfkasten, Tisch und Sitzgelegenheiten) und einem Schlafraum. Hier wohnten anfangs Marie und Otto Ladwig mit ihren Kindern Helmut, Inge (nur kurz, später zum benachbarten Landwirt Siemers gezogen, Hilfe und /oder „Freundin“ der Tochter von Siemers), Edeltraut und später ab 1954 auch Elke, Tochter von Inge. Ursula wohnte auch bis zur Rückkehr ihres Mannes Walter Ganzke hier und Annemarie bis zur Heirat mit Walter Harmjanßen Ende 1947. Elke Gerken kann sich an den von der Wohnung der Ladwigs aus zugänglichen großen Boden im Schulgebäude erinnern. Es war von Marie Ladwig aus untersagt, diesen zu betreten, aber dort lagerten viele für Kinder interessante Sachen.
Ursula und Walter Ganzke (seit 1944 verheiratet) haben nach der Rückkehr von Walter aus der Kriegsgefangenschaft oben im Haus Hinterm Kälberhof 2 gewohnt, unten lebte Lehrer Genrich mit seiner Familie. Hier wurde 1948 Sohn Günther und 1954 Elke Gerken, Tochter von Inge, geboren. Zum Lebensunterhalt der Familie trugen Marie Ladwig durch ihr Putzen der Schule in Jeddeloh I und Otto Ladwig als Bauarbeiter im Baugeschäft Schöneboom bei.
Über Otto ist wenig zu berichten, er verstarb am 05.04.1957. Marie Ladwig arbeitete in den 50er Jahren einige Zeit in der Ziegelei Oltmanns in Jeddeloh I. 1959 zogen Marie Ladwig, ihre jüngste Tochter Edeltraut und die bei ihr aufwachsende Enkeltochter Elke in das neu gebaute Haus der Familie von Ursula und Walter Ganzke in Jeddeloh I, Auf der Harre 7. Sohn Helmut war einige Jahre zuvor nach Heirat mit Elfriede Hollwedel aus Petersfehn II nach Klein Scharrel gezogen.

Ursula und Walter Ganzke wohnten unten (Küche, Bad, zwei Wohnzimmer, Schlafzimmer), Sohn Günter erhielt oben eine Kammer. Marie Ladwig teilte sich mit ihrer Tochter Edeltraut (bis etwa 1963) und ihrer Enkeltochter Elke (bis 1975) im Dachgeschoss ein Schlafzimmer, eine Wohnküche und eine Abstellkammer (Toilette und Bad unten). In Maries Wohnküche trafen sich alle Familienmitglieder dreimal im Jahr (an Weihnachten, Ostern und an Maries Geburtstag). Wenn alle da waren, saßen mindestens 13 Personen in dem knapp 20 m² kleinen Raum. Es war immer sehr lustig, diese Treffen förderten den familiären Zusammenhalt.
Marie bekam in den 60er Jahren in der Baumschule Backhus in Kleefeld Arbeit. Vier von fünf Tagen in der Woche war sie in der Baumschule tätig, am fünften Tag pflegte sie die Wohnung von Familie Backhus. Sie arbeitete hier bis Ende der siebziger Jahre, auch weil die Rente nicht reichte. Wichtige Papiere für eine höhere Rente waren auf der Flucht nicht mitgenommen worden bzw. die notwendigen Urkunden sind in den Pommerschen Ämtern vernichtet worden. Auch Zeugenaussagen, die die Arbeitsverhältnisse von Otto und Marie Ladwig in Pommern belegen sollten, wurden nicht anerkannt. Das machte Marie sehr traurig. Für die Inanspruchnahme von möglichen Sozialleistungen der Gemeinde hatte Marie nicht die nötige Unterstützung bzw. wollte es nicht, da sie nur die Sütterlin Schrift beherrschte und aus Unsicherheit bzw. Scham die dafür notwendigen Papiere nicht ausfüllte. Auch Hilfsangebote von Mitarbeitern der Gemeinde Edewecht nutzte sie nicht.
Noch in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts arbeitete sie stundenweise bei der Familie Backhus und machte das Haus sauber. Da war Marie bereits über 80 Jahre alt und immer noch sehr fit. 25 Jahre lang hat Marie Ladwig wöchentlich sich um die Pflege des Ehrenmals in Jeddeloh I, Ecke Jückenweg/Hinterm Rhaden, gekümmert.

Bei der wöchentlichen Pflege des Ehrenmals konnte sie sich an Walter Ladwig, ihrem im Krieg verstorbenen Sohn, den sie sehr liebte, erinnern. Das Todesdatum ist im Gedenkstein des Ehrenmals bei Walter Ladwig leider falsch, er starb 1945 und nicht 1944.

Elke Gerken berichtete, dass Marie immer, wenn sie im Fernsehen jemanden mit einem „Schifferklavier“ (Akkordeon) spielen sah und hörte, in Tränen ausbrach, weil dieses Musikinstrument auch gerne von ihrem verstorbenen Sohn gespielt wurde und so die Erinnerungen an ihn hochkamen.
Die letzten drei Jahre ihres Lebens verbrachte Marie in einem Pflegeheim in Südmoslesfehn und verstarb dort am 22. Mai 1995.
Ursula und Annemarie sind Ende der 90er Jahre nach Freienwalde gefahren, fanden aber das Haus der Familie nicht wieder. Die russischen Truppen hatten im März 1945 kurz nach der Flucht der Familie Ladwig bis auf die Kirche die gesamte Stadt in Schutt und Asche gelegt.
Ursula starb 2014, Annemarie 2020, Inge 2021 und Helmut 2018. Edeltraut, verheiratet mit Heinz Effmert aus Schlesien, wohnt heute in Harbern I.
Quellen:
Bild 1.2 Karte: GOLDMANNS GROSSER WELTATLAS, Wilhelm Goldmann Verlag AG München 1963




Kommentare