Flucht und Vertreibung, Teil 5: Erlebnisse bei der Flucht aus Masuren/Ostpreußen nach Jeddeloh I
- Heimatarchiv Team

- 9. Jan.
- 7 Min. Lesezeit

Elfriede Kruska wuchs in etwa 1 km Entfernung zur Ortschaft Puppen, Kreis Ortelsburg, in Masuren/Ostpreußen auf. Ihr Vater war Forstarbeiter und ihre Mutter führte den Haushalt und bewirtschaftete die 12 Morgen große landwirtschaftliche Stelle, die ihr Vater geerbt hatte. Zu dem Erbe gehörte auch eine Möbeltischlerei, die allerdings der ältere Bruder des Vaters erhielt. Auf den landwirtschaftlichen Flächen wurden vor allem Roggen und Kartoffeln angebaut. Im Stall wurden regelmäßig zwei Schweine gemästet, eines für den Eigenverbrauch und eines für den Verkauf. Solange die Eltern des Vaters noch im Haus lebten, wurde daneben noch eine Kuh gehalten. Das Grundstück der Kolpatzik grenzte unmittelbar an den Fluss Krutyna. Die Familie hatte das Recht, umsonst in diesem Fluss mit Netzen zu fischen. Gefangen wurden u. a. Hechte, Ukeleie, Plötze, Barsche und Aale, die im eigenen Haushalt verbraucht wurden.

Im Jahr 1939 brach der II. Weltkrieg aus. Elfriede kann sich noch gut erinnern, dass es von diesem Zeitpunkt an keine Schokolade mehr gab. Der Vater wurde zur Wehrmacht eingezogen und machte den Polenfeldzug mit. Drei Jahre später wurde er von der Wehrmacht freigestellt, weil er von seiner Firma als Forstarbeiter angefordert wurde, um die Fremdarbeiter im Forstbetrieb zu führen. Alle anderen deutschen Mitarbeiter waren inzwischen ebenfalls zur Wehrmacht eingezogen worden.
Weil auf dem Hof kein eigenes Pferd gehalten wurde, bekam die Mutter bei der Feldbestellung und bei der Ernte Hilfe von einem benachbarten Bauern. Das hatte zur Folge, dass die Mutter als Gegenleistung beim Bauern arbeiten musste. Elfriede war während dieser Zeit für die zwei jüngsten Geschwister, Jahrgänge 1941 und 1943, verantwortlich, auf die sie aufpassen und sie versorgen musste. Der 1936 geborene Bruder (der „Bengel“) konnte sich zu dem Zeitpunkt schon weitestgehend selbst helfen. Für die kleinste Schwester hatte die Mutter die Flasche vorbereitet. Außerdem hatte Elfriede das Geschirr abzuwaschen und die Küche aufzuräumen.
Im Herbst 1944 kamen die ersten Flüchtlinge aus dem Memelland auf dem Weg nach Westen an Puppen vorbeigezogen. Wir Kinder haben noch Obst gepflückt und an die Flüchtlinge verteilt. Zu der Zeit gab es schon Gerüchte, dass auch wir irgendwann flüchten müssten. Darüber durfte man aber nicht sprechen, erst recht nicht irgendwelche Vorbereitungen treffen.
Im November aber gab es von der NSDAP die Anordnung, dass Familien mit mindestens 4 Kindern Richtung Westen evakuiert werden sollten. Man sprach von Evakuierung, Flucht zu sagen war verboten. Zur Vorbereitung wurden von Vater Kolpatzik zwei Kisten gebaut, in die persönliche Sachen untergebracht werden konnten. Außerdem war es erlaubt, zwei Bettgestelle mitzunehmen.
Am 21. November 1944 war es soweit. Die Mutter hatte noch Brot und Kuchen gebacken. Die Anordnung der Partei war, dass das Haus sauber verlassen werden musste und der Hausschlüssel war dazulassen. Die Mutter hat dann noch die Küche und den Flur gewischt und hierfür das Wasser aus der Krutyna geholt. Am Morgen kamen dann die Großeltern aus Babenten bei Sensburg und haben die Mutter mit den 4 Kindern und allem Gepäck mit einem Kutschwagen zum Bahnhof in Puppen gebracht. Der Vater musste zurückbleiben und seine Arbeit im Forst weiter leisten. Elfriede kann sich noch erinnern, dass am Bahnhof der Onkel den Reisenden noch zuwinkte. Der Onkel, 1889 geboren, besaß die Möbeltischlerei. Etwa 1943 wurde ihm verboten, Möbel zu bauen. Stattdessen musste er auf Anordnung der Partei Särge bauen, die in großer Zahl in die bombardierten Städte im Reich geliefert werden mussten. Dieser Onkel wurde bei Kriegsende nach Sibirien verschleppt. Die Ehefrau ist zunächst in Ostpreußen geblieben, wurde aber später vertrieben und landete im zerstörten Gelsenkirchen. Erst viele Jahre später kam der Onkel aus der Gefangenschaft nach Gelsenkirchen.
Elfriede, die Mutter und die Geschwister fuhren mit der Bahn Richtung Rügen. Die Fahrt dauerte etwa zwei Tage. Einen längeren Aufenthalt gab es auf der Fahrt vor Schneidemühl, wo russische Flieger Bomben abwarfen. Am 23. November 1944 ging es über den noch unzerstörten Rügendamm bis Rambin. Dort wurden die Evakuierten zunächst im Saal einer Gaststätte untergebracht. Die Nacht verbrachte man auf Stroh, das im Saal ausgebreitet war. Was ganz besonders war, dass an alle Kakao ausgeschenkt wurde. Dazu gab es die Selbstverpflegung der Mutter. Am nächsten Tag ging es per Kleinbahn nach Göhren. Die örtliche Hitlerjugend transportierte dabei das Gepäck einschließlich der Kisten und Bettgestelle.
In Göhren wurde die Familie in einem Waldhotel unterbracht. Man hatte ein Zimmer mit Toilette. Etwas Besonderes war das Wasserklosett. Der Bruder fand Gefallen daran, ständig das Wasser zu ziehen und zu beobachten, wo das Wasser bleibt. Man kannte von zu Hause ja nur das Plumpsklo. Die Mutter verbot ihm, das Wasser zu verschwenden. Er hat dann schnell von innen die Tür verschlossen und weitergemacht.
Bis Ende April war es ruhig auf Rügen. Zwischenzeitlich musste auch der Vater beim Einmarsch der Russen aus Ostpreußen flüchten, kam in Göhren an und wurde gleich von der Partei nach Köln geschickt, um dort Trümmer aufzuräumen. An die erste Begegnung mit den Russen kann sich Elfriede noch gut erinnern. Die Mutter schickte „Elfie“, so wurde sie auch genannt, eines Tages zum Brot holen beim Bäcker. Beim Bäcker angekommen grüßte sie wie gewohnt mit „Heil Hitler“, empfing nach Abgabe der Brotmarken das Laib Brot, klemmte dieses unter den Arm und verließ die Bäckerei wieder mit einem „Heil Hitler“. Draußen auf der Straße sah sie dann eine ganze Reihe junger russischer Soldaten, die ihr aber nichts antaten. Zu Hause angekommen lag die Mutter im Bett, in beiden Armen die 2 kleinen Kinder. Sie berichtete, dass sie aufgefordert waren, weiße Handtücher oder Laken aus den Fenstern zu hängen.
Am nächsten Tag fanden sie und ihr Bruder im Wald eine Menge Schulunterlagen und Bücher, die dort abgekippt worden waren. Sie nahmen einige Bücher mit, so auch das Buch „Mein Kampf“. Die Mutter hat dieses Buch, sobald sie es gesehen hatte, weggeworfen.
Mit dem Einmarsch der Russen auf Rügen kam der Hunger. Der Bruder ist häufiger zu den russischen Soldaten gegangen und hat dort die Krusten, die die Soldaten von den Broten abgeschnitten und weggeworfen hatten, in die Taschen gestopft und mit nach Hause gebracht. Lecker! Die Mutter hat bei den Russen in der Kochküche gearbeitet. Dort hat sie die Reste aus den Töpfen herausgekratzt, diese mit nach Hause genommen und mit Wasser versetzt den Kindern zu Essen gegeben.
Der Bruder der Mutter, Fritz Chrzon, war nach seiner Flucht aus Ostpreußen in Jeddeloh I bei Schlachter Bonsack untergekommen. Er schrieb im November 1945 seiner Schwester einen Brief: „Liebe Schwester, ihr leidet Hungersnot, kommt zu uns, ich sorge für euch.“
Als erste machte sich Elfriede mit einer Tante auf den Weg nach Jeddeloh I. Sie hatten keine Passierscheine. Die Tante hatte einen Ausweis, Elfriede aber nicht. Zum Vorzeigen an der Grenze hat sich die Tante dann für Elfriede vorsorglich einen Impfausweis auf rotem Papier mitgeben lassen mit dem Bemerken, rotes Papier käme bei den Russen immer gut an und wenn man den Ausweis „auf dem Kopf“ vorweist, sehe es wie kyrillische Buchstaben aus. Mit dem Zug ging es nach Stendal. Dort verkehrten die Kohlenzüge nach und von Berlin. In einem unbeobachteten Moment stiegen sie in einen leeren Kohlenwaggon. An der Grenze wurde streng kontrolliert. Elfriede und ihre Tante haben sich in eine Ecke des Waggons gekauert und zum Himmel gebetet, dass sie nicht entdeckt werden. Die Gebete wurden erhört. Während wohl aus anderen Waggons Personen herausgeholt wurden, was man deutlich hören konnte, wurde ihr Waggon nicht überprüft. Der Zug setzte seinen Weg fort und kurze Zeit später war man im Westen. Der erste Aufenthalt war dann im Auffanglager in Friedland, wo sie entlaust wurden. Außerdem wurde Elfriede gegen Krätze behandelt, die sie sich wohl auf Rügen zugezogen hatte.
Dann ging es am folgenden Tag in einem komplett überfüllten Zug, es waren sehr viele Flüchtlinge unterwegs, nach Oldenburg, wo man um 6.00 Uhr morgens ankam. Dort auf dem Bahnhof wurde man mit Getränken versorgt. Auf dem Bahnhof fragte man eine Person, wo es nach „Jeddeloch“ geht. Zufälligerweise kam diese Person aus Jeddeloh I. Er erklärte den Weg zur Gartenstraße in Oldenburg, dann immer geradeaus, bis der Weg sich gabelt, dann dem Schild nach Edewecht folgen und dann immer geradeaus. Elfriede mit Rucksack und die Tante mit Koffer machten sich zu Fuß auf den Weg.
In Friedrichsfehn wurden sie einige hundert Meter von einem Torfwagen, der aus Oldenburg kam, mitgenommen, der dann aber abbiegen musste. Gegen 12.00 Uhr war Elfriede erschöpft und hatte großen Hunger. Die Tante klopfte in Kleefeld an einem Haus. Dort wohnte der Fleischbeschauer Deeken, der den beiden sofort zu Essen gab. Elfriede ist noch heute Deekens dankbar, dass sie geholfen haben.
Dann ging es weiter auf dem Weg nach Jeddeloh I. Einige Häuser weiter haben sie noch einmal nach dem Weg zu Bonsack gefragt. Auch dort haben sie etwas zu Essen bekommen. Leider ist Elfriede der Name dieser Kleefelder Familie entfallen.

In Jeddeloh I haben sie sich dann bei Kreye erneut nach dem Weg zu Bonsack erkundigt. Es stellte sich heraus, dass sie zu weit gelaufen waren. Der Weg zurück war aber nicht weit und sie kamen am Ziel an. Dort wurden sie schon erwartet und die Mutter Bonsack empfing sie freundlich und sie erhielten erneut etwas zu essen. Fritz Chrzon war als Fleischergeselle bei Bonsack untergekommen. Dort konnten aber keine weiteren Personen untergebracht werden. Er hatte aber schon ein Quartier für die beiden gefunden. Sie bekamen ein Zimmer bei Hanna Lübben am Jeddeloher Damm (neben Otto Wiechmann). Diese hatte ihr Wohnzimmer für die beiden freigemacht. Zum Empfang wurden sie von Hanna Lübben freundlich empfangen und es gab an diesem Tag ein viertes Mal ein Essen. Es gab Grünkohl.
Einige Wochen später, noch vor Weihnachten im Jahr 1945, kam die übrige Familie Kolpatzik mit regulären Passierscheinen nach Jeddeloh I. Der Empfang war nicht so herzlich. Der Eigentümer des Hauses, in das sie eingewiesen wurden, weigerte sich zunächst, die Familie aufzunehmen. Er hatte die Haustür verschlossen. Der Vater entschloss sich, mit der Familie vor der Haustür sitzen zu bleiben mit dem Bemerken, man gehe keinen Schritt mehr weiter………
Elfriede Kolpatzick hat sich später zur Krankenschwester ausbilden lassen, arbeitete seit 1951 22 Jahre im Ev. Krankenhaus in Oldenburg und 8 Jahre in der Psychiatrie in Wehnen, der heutigen Karl-Jasper-Klinik. Im Jahr 1954 heiratete sie Herbert Kruska, ebenfalls Flüchtling aus Ostpreußen, genau Seedanzig im Kreis Ortelsburg. Sie bekamen drei Kinder. 1961 bauten sie ihr Haus in der Straße Auf der Harre in Jeddeloh I.

Bei einer Reise nach Masuren Jahrzehnte nach ihrer Flucht konnte Elfriede erleben, dass sowohl ihr Elternhaus als auch das Haus ihres Onkels noch vorhanden waren.
Quellen:
Bilder Heimatarchiv, privat




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