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Adolf Schwing, der 21. Prediger des Bezirks Edewecht/Westerstede (1919 – 1925)

  • Autorenbild: Johann Lüschen
    Johann Lüschen
  • vor 2 Stunden
  • 4 Min. Lesezeit

Mit dem Namen „Schwing“ verbinde ich sofort ein Erlebnis, das ich im Alter von 15 Jahren in Wiesmoor bei einem methodistischen Jugendtreffen hatte. Übernachtet habe ich von Sonnabend auf Sonntag bei „Tante Betty“. Sie war eine wichtige Persönlichkeit in der dortigen Gemeinde. Am Sonntagmorgen war ich früh wach und ging vor dem Frühstück noch ein paar Schritte durch ihren schönen Garten. Die reifen Erdbeeren musste ich probieren. Ich hatte gerade die erste verspeist, da kam „Tante Betty“ um die Hausecke und ermahnte mich. Ich wüsste doch, dass heute Sonntag sei und dass an diesem Tage alle nicht notwendigen Arbeiten unterbleiben müssten. Das war die erste Predigt, die ich an diesem Sonntag hörte.


„Tante Betty“ war eine Schwiegertochter des Gemeindepredigers Adolf Schwing, um den es nun gehen soll. 1919 kam er nach Edewecht und war in der jetzt über 70jährigen Geschichte der 21. Gemeindeprediger des Bezirks Edewecht/Westerstede. Er war in seinem Predigerleben Edewecht schon einmal ganz nahe, denn von 1897–1899 war er Prediger der  damals selbständigen Gemeinde  Westerstede.


Adolf wurde am 4. November 1872 in Lehe, damals in der preußischen Provinz Hannover gelegen und heute zur Stadt Bremerhaven gehörig, geboren. Sein Vater war Tischlermeister und vielleicht war er ausersehen, nach dem Besuch der Volksschule den Betrieb seines Vaters fortzuführen. Nach der Tischlerlehre sollte sein  Leben aber in eine andere Richtung gehen.


Adolf Schwing (1872 - 1931)
Adolf Schwing (1872 - 1931)

Als Jugendlicher kam er mit den  Methodisten in Kontakt. Von nun an wollte er nur eines: den Glauben an Gott, den er dort kennenlernte, möglichst intensiv verkündigen. Adolf Schwing schloss sich im Januar 1888 zur Probe der Methodistenkirche an. Im Juli desselben Jahres wurde er in „Volle Verbindung“ aufgenommen.


Er wurde von seiner Gemeinde in Bremerhaven ermuntert, hauptamtlicher Prediger zu werden. Dazu absolvierte er 1891 im Land Wursten bei Bremerhaven ein Praktikum, um dann von September 1893 bis September 1895 im methodistischen Predigerseminar in Frankfurt am Main zu studieren. Er wurde 1896 auf Probe in die Norddeutsche Konferenz aufgenommen und 1898 in „volle Verbindung“. Im selben Jahr wurde er zum Diakon ordiniert und zwei Jahre später als „Ältester“.


Laut der Kartei des methodistischen Zentralarchivs in Reutlingen, war er vor seiner Edewechter Zeit Prediger in folgenden Gemeinden: Langenwetzendorf-Triebes in Thüringen und – wie erwähnt – in Westerstede. Von dort ging es nach Osnabrück (1899-1902), Kiel (1902-1908), Bielefeld (1908-1910) und Aurich (1910-1919). Ab 1919 war er dann „unser“ Gemeindeprediger. Seine letzten Arbeitsfelder waren Königsberg III in Ostpreußen und Kolberg in Pommern.


Prediger Schwing heiratete am 23. Juni 1899 Antoniette Wilhelmine Johanne Koch aus Bremerhaven. Sie wurde am 5. September 1872 geboren. Aus der Ehe gingen drei Söhne hervor: Adolf Walter (er war der Ehemann von Beate Ziegler von Spetzerfehn, genannt „Tante Betty“), Antonius Emmanuel (er wanderte nach Amerika aus) und Ernst Gottfried.


Walter war Sonntagsschullehrer in der Gemeinde.


Meine Großmutter wusste viel über diesen Prediger zu erzählen. Sie hat ihn als Original wahrgenommen. Von seinen Predigerkollegen wurde er sehr geschätzt. Seine positive Lebensgrundhaltung war beeindruckend. Bei größeren Veranstaltungen hielt er sich eher im Hintergrund. Wenn der Kreis aber kleiner war, brillierte er mit fesselnden, meist auch humorvollen Geschichten. In seinem Nachruf wird er so beschrieben: „Aller Pessimismus war ihm fremd. Sein heiteres Gemüt half ihm, manche Schwierigkeit zu überwinden“. Seine Predigten waren aber ernst und eindringlich, „deshalb vermochte Bruder Schwing starke Speise zu geben. Nicht Leckereien zur Befriedigung sensationslüsterner Feinschmecker, sondern gesundes hausbackenes Brot“.


In Edewecht wohnte er mit seiner  Familie mit den drei großen Jungs in der ziemlich kleinen Wohnung in der Kapelle. Auch darüber gibt es etwas zu erzählen: Sein Kollege, Prediger Friedrich Müller (Großonkel von Heiko Müller), gab einmal zum Besten: „Die Küche in der alten Predigerwohnung war nur ein ganz schmales Ding. Der Adolf Schwing war nur so ‘n kleiner Zarter und seine Frau war eine große stattliche Erscheinung. Sie hantierte gerade am Herd. Adolf stellte sich davor: ‚Toni gah mal eben rut, ick will mol eben rin!‘


Aus den Konferenzprotokollen lässt sich einiges über den Edewecht/Westersteder Bezirk ablesen. Daraus einige Auszüge:


1921:

14 Predigtstationen. Mitgliederzunahme 7. Die Gemeinde zählt 148 Mitglieder, 26 Probeglieder und 104 Kirchenkinder.


1922:

Eine ganze Gemeinde auf Fahrrädern. Der Prediger hat auch eines. Fast nur ländliche Bevölkerung.


1923:

Westerstede sollte (wieder) abgetrennt werden. Naturgemäß ist auf so kleinen Landstationen nur eine langsame Entwicklung zu erwarten. Dass aber auch auf dem Lande nicht alle Leute fromm sind, musste der Prediger erst in den letzten Tagen erfahren. Wirft da nachts 1 Uhr ein Übeltäter die Schnapsflasche in die über 1 Meter großen Fenster der Haustüre unserer Kapelle. Vor Schreck fällt Bruder Schwing beinahe aus dem Bett. Zum Glück kommt er keinen Einbrechern auf die Spur, aber er findet die unversehrte Flasche, die zur Verhaftung des Missetäters führte, der die Rechnung von 45.000 Mark und als Buße an unsere Armenkasse 10.000 Mark bezahlen musste (es war Inflationszeit).

Mitgliederzahl: 183.


1924:

In Edewecht-Westerstede gestaltete sich die Arbeit in diesem Jahre nach dem Liede: „Wenn heil‘ge Winde wehen vom Thron der Herrlichkeit und durch die Lande gehen, dann ist es sel‘ge Zeit“. Eine ganz köstliche Erweckung erfasste im November die Gemeinde, dass über 50 bekehrt wurden – wohl unsere ganze Jugend. 18 schlossen sich auf Probe an, 31 wurde in volle Verbindung aufgenommen. Bei 12 Zunahmen zählt die Gemeinde 195 Glieder.


1925:

Etwas Schönes ist es nicht, was ich da berichten muss. Manchmal wirkt im Gemeindeleben eine Krisis wie ein Gewitter, das die Luft reinigt.

Wirtschaftlicher Druck, Geldnot. Einige Gemeindeglieder mussten sich Geld leihen um die Beiträge an die Kirchengemeinde bezahlen zu können.

Auch reichte die Bezirksverwaltung von Edewecht ein Gesuch ein mit der Bitte, einen sehr geeigneten, günstig gelegenen Bauplatz erwerben zu können. Dem Ankauf wurde zugestimmt.


In seiner sechsjährigen Amtszeit auf dem Bezirk Edewecht/Westerstede fanden 54 Taufen, 12 Trauungen und 20 Beerdigungen statt.


Adolf Schwing starb, ohne den Ruhestand kennenzulernen, in Kolberg in Pommern. Er musste sich einer Operation unterziehen, die zuerst gut verlief. Dann starb er am 12. April 1931 an einer Embolie.


Ein sehr erfülltes Leben ging zu Ende. Es war meiner Großmutter immer wichtig zu sagen, dass sie von ihm getraut wurde. Sie sprach davon, wie schön er plattdeutsch sprach. Wie er in dieser Sprache Geschichten vorlesen konnte, besonders die von Gorch Fock. „Er verstand es durch Tonfall, Mienenspiel, Handbewegungen, sowie durch ein tiefes Gemüt, verbunden mit würzigem Humor, alle die Gestalten lebenswahr vor die Augen zu führen“, erinnert sich Prediger Arnold, der seinen Nachruf verfasste.


Unser 21. Gemeindeprediger wurde auf dem Parkfriedhof in Berlin-Lichterfelde beerdigt. Viele Amtsbrüder und Freunde nahmen daran teil; besonders aus seiner letzten Gemeinde.

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