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  • AutorenbildJohann Lüschen

Hermann Kunst – Der dritte Prediger der Evangelisch-methodistischen Kirchengemeinde

Teil 3 der Reihe "Pastoren der Evangelisch-methodistischen Kirchengemeinde Edewecht":

Hermann Kunst, der in jungen Jahren starb (1863–1864)

Vom dritten Prediger der Edewechter Gemeinde – Hermann Kunst – ist nur wenig bekannt. Er starb sehr früh im Alter von 31 Jahren. Nach Ahlert Gerhard Bruns war er der zweite, der eine „methodistische Ausbildung“ im Predigerseminar Bremen erhielt.


Laut Beschluss der Vierteljahreskonferenz, die heute Bezirkskonferenz genannt wird, sollte er im Frühherbst 1863 ein Jahr im Bereich der Gemeinde Westerstede und danach ein Jahr in Edewecht wohnen. Westerstede erschien den Kirchenvätern strategisch gut geeignet, den Methodismus auch im nördlichen Teil des Ammerlandes bekannt zu machen. Er blieb aber nur ein Jahr auf dem Bezirk. Deshalb konnte der zweite Teil des Beschlusses nicht umgesetzt werden. Durch diesen Umstand war die Predigerwohnung in Edewecht ein Jahr lang unbesetzt.


Dass Hermann Kunst tatsächlich ein Jahr im Westersteder Teil des Bezirks wirkte, ist auch daran zu erkennen, dass dort auffallend viele Mitglieder aufgenommen wurden.

Unter der Leitung von Prediger Kunst festigte sich der Edewechter Bezirk. Es bildeten sich in Westerstede und Klein Scharrel methodistische „Klassen“. Sie trafen sich regelmäßig zum Gebet und Gedankenaustausch. In seine Amtszeit fiel auch die Gründung der Westersteder Sonntagsschule.





Hermann Kunst besaß, wie sein Vorgänger Bruns, die oldenburgische Staatsangehörigkeit. Er wurde am 15. Oktober 1837 in Hockensberg, einem kleinen Dorf in der Gemeinde Dötlingen, Landkreis Oldenburg, geboren und am 29. Oktober in der dortigen St.-Firminus-Kirche getauft. Seine Eltern Johann Hinrich Kunst und seine Frau Anna Sophia, geborene Saalfeld, waren einfache Heuerleute. Er war das jüngste von sechs Geschwistern, die alle das Erwachsenenalter erreichten und heirateten. Eine Schwester wurde Hebamme, ein Bruder Seefahrer.


Über sein Leben gibt sein Nachruf Aufschluss, der am 31. Mai 1869 in der Zeitschrift der deutschen Methodisten in Amerika, dem „Christlichen Apologeten“ veröffentlicht wurde:


„Rev. Hermann Kunst wurde im Nov. 1837 in Nierstedt, Großherzogthum Oldenburg, geboren und in seinem 19. Jahre kam er zur Erkenntniß des Heils durch die Predigten des Pastors C. H. Döring. Ein Jahr nach seiner Bekehrung mußte er zum Militär nach Oldenburg, und voll Eifer für seinen Herrn predigte er und hielt Erbauungsstunden in seiner Soldatenuniform. Sein Offizier begünstigte ihn sehr und gab ihm viele Freiheit, um dem Werke seines Herzens und seines Meisters nachzugehen. Dieses weckte vielfach unter seinen Kameraden Neid und Mißgunst, da es sie ungemein frappirte, daß dieser Betbruder mehr Freiheiten haben sollte in Folge seiner Frömmigkeit.


Nachdem er zwei Jahre gedient hatte, sehnte sich sein Herz, sich ganz dem Predigerstand zu widmen. Er kehrte nicht wider zum Pflug zurück, sondern ging, nachdem er einige Zeit unter der treuen Pflege des Br. Döring gestanden, ins Missionshaus nach Bremen, um dort die Grundlage zu den nöthigen theologischen Kenntnissen zu bekommen.


Während seines Weilens in Bremen und nachdem er das Missionshaus verlassen, predigte er fortwährend mit großem Eifer in Edewecht, Hamburg, Bremerhaven und zuletzt in Winterthur in der Schweiz, allwo er sich verheirathete. Der Herr segnete seine Arbeit, während er in Deutschland und in der Schweiz arbeitete, bis es sich endlich so fügte, daß er im April 1867 nach Amerika kam und hier in Newark sich niederließ.


Br. Jost, mein Vorgänger, munterte ihn auf, gleich an die Arbeit zu gehen, und das Werk des Herrn zu treiben, und die Gemeinde empfahl ihn an die ostdeutsche Conferenz (der bischöflichen Methodistenkirchen in den Vereinigten Staaten) und er wurde im April 1868 aufgenommen. Sein Arbeitsfeld war Jerusalem, Long Island, allwo er mit Selbstverleugnung arbeitete.


Ob die starke Seeluft oder eine besondere Erkältung seine Lungen zu stark angriff, ist mir nicht bekannt. Br. Kunst kam nach Philadelphia zur Conferenz, und als er in meinem Hause abstieg, war ich erstaunt, wie der starke Mann abgefallen und hinfällig war. Ich sagte ihm: Du kannst dieses Jahr nicht predigen. Er aber war voll Hoffnung und hätte es in seinem Eifer für ein großes Kreuz betrachtet, falls die Conferenz ihm kein Arbeitsfeld angewiesen hätte. In der Stadt New York sollte er das nächste Conferenzjahr arbeiten.


Er bereitete sich mit gutem Muth darauf vor, kam zu den Geschwistern Sonn mit seiner Familie nach Newark auf Besuch und nach wenigen Tagen wußten wir, Br. Kunst wird nicht mehr predigen. Da Br. Sonn sein Haus verkauft hatte, so konnte er da nicht bleiben, aber die Geschwister Römer öffneten ihm und seiner Familie das Haus und boten Alles auf, um ihm seine letzten Tage zu versüßen.


Am 8. Mai (1869), morgens 1 Uhr, waren seine Leiden zu Ende und ging er heim zu seiner Ruhe. Sein Krankenzimmer war angenehm, da er immer guten Muthes war und es sich bewahrheitete: „Der Gerechte ist auch im Tode getrost.“ So lange er konnte, suchte er mitzusingen und, nachdem er lange aufgehört hatte, ein Interesse an allgemeiner Unterhaltung zu nehmen, so folgte er mit großer Lebendigkeit dem Gebet und Gesang und sprach sein kräftiges Amen. Es war höchst erbaulich und tröstend, an seinem Sterbebette zu stehen.


Montag um zwei Uhr versammelten sich die meisten deutschen Prediger Newyorks und Umgegend im Hause von Br. Römer, von wo aus die Leiche zur Market Street Kirche genommen wurde. Br. Kastendick, sein Vorst(ehender) Ältester, hielt die Leichenpredigt über 2. Tim. 4, 7-8. Br. Sonn erbat sich das Vorrecht, ihn auf seinem Begräbnißplatz zu begraben.

Ich kann nicht umhin zu erwähnen, daß mein Herz sich sehr über die Bereitwilligkeit freute, mit der die Geschwister hier bei Br. Kunst wachten und die Liebe, die die Familien Sonn und Römer an Br. und Schw. Kunst erwiesen.


Br. Kunst, schien es mir, war entschlossen und eifrig für das Herrn Werk. Zwei Wochen vor seinem Tode meinte er, er könne noch nach New York und predigen. Es ist fast schmerzhaft, diesen Drang zu sehen – und die Kräfte es nicht erlauben, wie es schmerzhaft ist, einen kräftigen Körperbau zu sehen und Mangel an geistigem Triebe und Muth.


Schw. Kunst wird mit ihrem Söhnlein einstweilen in Newark bleiben. Der Herr tröste sie.

Bittet den Herrn der Ernte, daß er Arbeiter in seinen Weinberg sende.

Newark, N(ew) J(ersey)., im Mai 1869. J. W. Freund“


Seine Frau „Nannette“ schrieb an (den Vorstehenden Ältesten in Deutschland) Jacoby, als sie ihm die Todesnachricht mitteilte, dass seine Krankheit „Auszehrung“ war. Damals wurde die Tuberkulose so bezeichnet. „in seinem Herzen sei nach seiner eigenen Aussage ‚Friede, alles Friede’ “. (Auch Hermanns zwei Jahre ältere Schwester Rebecca starb an Schwindsucht).


Die wichtigsten Daten seiner Tätigkeit als Prediger in Deutschland und in der Schweiz noch einmal zusammengefasst: Nach dem Studium in Bremen mit Praktika in Bremerhaven und Hamburg, war er von 1863 bis 1864 Gemeindeprediger in unserer Gemeinde Edewecht und danach von 1864 bis 1867 in Winterthur in der Schweiz. In beiden Gemeinden leistete er Pionierarbeit.


Hermann Kunst wurde 1867 von der Kirche „unter Anklage gestellt“. Der Kirchenhistoriker Karl Heinz Voigt, Bremen, erklärt dazu: „Im Juni 1864 wurde Hermann Kunst als Nachfolger von A. G. Bruns nach Winterthur versetzt. Im März 1867 ist Hermann Kunst nach Amerika ausgewandert. Es sieht so aus, als sei das ohne Einwilligung (was einen Konferenzbeschluss voraussetzt) geschehen. Die Folge war, dass er „unter Anklage gestellt“ wurde. Das entsprach der Kirchenordnung § 212 (für Prediger auf Probe, der Kunst noch war).


Im Juni 1867 bei der Konferenz in Zürich erfolgte seine Entlassung (Konferenzverhandlung: „Wer ist dieses Jahr von der Verbindung [mit der Konferenz] ausgeschlossen worden? H. Kunst“). Daraus schließe ich, dass er sich moralisch nichts zu Schulden kommen ließ außer dem Verlassen seiner Dienstzuweisung. Dafür spricht auch, dass er in den USA sofort wieder in eine Konferenz aufgenommen und an eine Gemeinde gesandt wurde.“


Hermann Kunst heiratete am 6. Oktober 1867 in Winterthur/Schweiz Anna Barbara Leimbacher. Sie wurde am 7. Januar 1839 in Oberwinterthur/Schweiz als eheliche Tochter des Felix Leimbacher und seiner Frau Anna Altorfer geboren. Die Proklamationen zur Heirat fanden am 6. und 13. Januar auch in Dötlingen* statt. Das heißt, die bevorstehende Eheschließung wurde dort zwei Mal „abgekanzelt“. Das ist sehr außergewöhnlich, weil er ja eigentlich keinen örtlichen Bezug mehr zu seiner Heimatgemeinde hatte. Dem lutherischen Geistlichen müssen die Abkündigungen wohl schwer über die Lippen gekommen sein.


Hermann Kunst wanderte, vielleicht schon krank, 1867 mit seiner Frau Nanny nach Amerika aus. Er wurde dort Gemeindeprediger in Jerusalem (heute Wantagh, Nassau County, New York). Es könnte sein, dass dies schon in der Heimat eingefädelt war. Vielleicht bei einer Jährlichen Konferenz, die ja damals noch von amerikanischen Bischöfen geleitet wurden.


Hermanns einziges Kind Emil wurde 1868 in „Jerusalem“ geboren. Es starb ein halbes Jahr nach seinem Tod. Der weitere Lebensweg seiner Witwe Nannette ist noch nicht erforscht.


* Anmerkung zur Heirat des Predigers Hermann Kunst

Dass die vorhergehenden Proklamationen in der Evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde Dötlingen stattfanden, hat damit zu tun, dass zu jener Zeit die landeskirchlichen Pfarrämter sozusagen die Vorläufer der Standesämter waren. Sie waren quasi gezwungen, auch die bevorstehenden Heiraten der Dissidenten „abzukanzeln“. Deshalb wurde die Heirat von Hermann Kunst mit Anna Barbara Leimacher aus der Schweiz auch in das Kirchenbuch der Evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde Dötlingen eingetragen.

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